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21. November 2009
 

aspekte

 
 Quelle: Brockhaus
Friedrich Schiller war auch Krimi-Autor.

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Crime-Spezialist Friedrich Schiller

Zum 250.Geburtstag des Klassikers

"Zu Dionys dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande!" Diesen Attentats-Thriller kennt jeder! Doch Friedrich Schiller, dieser Schulbuchballadendichter und Dramatiker, konnte auch ganz anders. Echte ausgewachsene Krimis hat er geschrieben. Über getriebene Gewaltverbrecher, Bandenkriminalität und staatspolitische Verschwörungen. Menschliche Abgründe zogen den Idealisten Schiller magisch an.

 
 
 
 

"Im Grunde genommen kann man sagen, dass Schiller einer der Ersten ist, der die Kriminalerzählung als literarisches Genre in Deutschland etabliert", sagt der Schiller-Forscher Professor Dr. Peter-André Alt. "Eine Erzählung wie 'Der Verbrecher aus verlorener Ehre' ist tatsächlich etwas Neues - die Biographie eines Straftäters, mit allen Elementen der Begründung, wie jemand einen derartigen Irrweg einschlägt. Das ist ein neues psychologisches Modell."

 

Die "Verirrung des Menschen"

"Verbrecher aus verlorener Ehre" ist die atemlos erzählte Geschichte eines Verbrechers, der als Wilddieb straffällig wird und sich zu einem mordenden Serientäter wandelt - einer, der gegen die ganze Gesellschaft rast und marodiert. Eiskalt und knapp seziert der Militärarzt Schiller das Geflecht der seelischen Verstrickungen. Psychische Verletzungen und geheimste Wünsche triumphieren über die dünne Fassade der Vernunft.

 

"Ihm geht es um die Verirrung des Menschen, weil man an Ihnen etwas zeigen kann", sagt der Kriminalliteratur-Forscher Professor Dr. Hans-Richard Brittnacher. "Was kann man zeigen? Man kann einen Blick in das Herz des Verbrechers werfen und damit Auskunft über seine Motive erhalten, und man kann einen Blick in das Räderwerk der Gesellschaft werfen und sehen, wie jemand auf die schiefe Bahn kommt, wie jemand zusehend difffamiert wird und damit in das Verbrechen hinein getrieben wird."

 

Schluchzen und Ohnmacht

Schon als Medizinstudent wurde Schiller mit der Kriminologie vertraut. Er lernte Psychologie inklusive der seelischen Entartungen. Seitdem sind kriminalistische Neugier und die Faszination des Bösen Teil seines Werks. Begierig studierte er Kriminalfälle, gab die legendäre Fallsammlung, den 'Pitaval' in vier Bänden auf Deutsch heraus. Seine kriminellen Charaktere sind monströs und authentisch. Und Schiller hat Sinn für Thrill. Die Uraufführung der Räuber trieb das Publikum in Angst und Entsetzen. "Über die Uraufführung der Räuber aus Mannheim wissen wir, dass Frauen in Ohnmacht fielen, dass die Menschen in laute Schreie ausbrachen, dass sie weinten, schluchzten", so Peter-André Alt.

Infobox

Schillers Pitaval, ediert, kommentiert, bearbeitet von Oliver Tekolf, Eichborn Verlag. Quelle: Eichborn Verlag
Eichborn Verlag

Buch-Tipp

Schillers Pitaval
Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit
Ediert, bearbeitet und herausgegeben von Oliver Tekolf
Eichborn-Verlag

Schillers spektakulärster Krimi "Der Geisterseher" spielt in Venedig, Er ist den Romanen Donna Leons haushoch überlegen. Ein Politthriller, in dem ein deutscher Prinz mittels Intrigen, Verführungen und Verbrechen auf den Thron gehievt werden soll. Eine raffiniert und spannend erzählte Geschichte, ein durchtriebenes Spiel auch mit dem Leser.

 

Politthriller-Soap des 18. Jahrhunderts

"Er bremst seine Geschichten an den entscheidenen Punkten aus" erklärt Peter-André Alt. "Das, was wir heute den Cliffhanger nennen, beherrscht er souverän. Er entwickelt verschiedene Handlungsstränge, er entlarvt Figuren, er arbeitet mit doppelten Entlarvungen, doppelten Lösungen. Als Leser wird man hin und her geschleudert auf der Bahn der Überraschungen und Umkehrpunkte. Das ist eine meisterhafte Dramaturgie, die den Erzähler Schiller als einen sehr modernen Autor zeigt."

 

"Der Geisterseher" erscheint als Fortsetzungsroman, und die Leser reißen dem Autor die Folgen geradewegs aus der Hand. Es ging Schiller auch um Geld. Das Publikum ist mein Mäzen, sagte er. Und das Publikum zahlte. Es war sein größter Publikumserfolg. Eine hochkarätige Soap, über die man redete. "Im literarischen Deutschland gab es wilde Spekulationen über den Ausgang, vor allen Dingen die Frage, wer der geheimnisvolle Armenier ist, der das ganze Geschehen intrigant lenkt" so Alt. "Das war ein Gesellschaftsspiel in dieser Zeit. An Hof, in den bürgerlichen Salons diskutierte man über diesen Erzähltext und seine möglichen Fortsetzungen, so wie man das vielleicht heutzutage auch gelegentlich über Fernsehserien tut."

 

Schmöker-Empfehlung

Seinen "Geisterseher" hat Schiller nicht beendet, zum Verdruss seiner Leser, die darum flehentlich bettelten. Er schrieb Krimis, die mehr wollten, als nur unterhalten: aufklären, verbessern. Das Schlechte zeigen, um das Gute herauszufordern. "Die Kriminalgeschichten von Schiller haben eine geradezu prophylaktische Absicht", meint Hans-Richard Brittnacher. "Sie wollen das Verbrechen verhindern. Sie wollen dahin führen, dass in Zukunft Verbrechen unterbleiben. Darin ist Schiller Aufklärer."

 

Noch ist die Nationalikone Schiller als Krimiautor ein Geheimtipp. aspekte empfiehlt den Klassiker als hochintelligente Schmöker-Lektüre. Einer, der sich mit den Joy Fieldings und Dan Browns und all den anderen der Krimibestsellerlisten souverän messen kann.