Rom, vor den Vatikanischen Museen. Der Papst hat gerufen - sie sind gekommen: Musiker, Künstler, Architekten. Stararchitekt Daniel Liebeskind erwartet " ein interessantes und vielleicht sogar ein provokatives Ereignis". Architekt Mario Botta erinnert die Einladung, die der heilige Vater an die Künstler gerichtet hat, an die Renaissance. Der deutsche Künstler Carsten Nicolai meint: "Es ist ein steiniger Weg. Aber ich glaube, das ist auf jeden Fall etwas, was sich lohnen würde."
Der "Kulturminister" des Vatikans, Bischof Ravasi, spricht von einer neuen Nähe zwischen Kunst und Glauben, dem gemeinsamen Streben nach etwas Höherem: "Dieses Treffen zwischen dem Papst und den Künstlern hat das Ziel, eine Harmonie zwischen zwei Horizonten herzustellen, die immer schon sehr nah beieinander waren. Zwischen den beiden essentiellen, menschlichen Erfahrungen des Glaubens und der Kunst, die einmal Schwestern waren." Die katholische Kirche sehnt sich zurück nach den Zeiten, als die größten Künstler ehrfürchtig Aufträge ausführten.
Doch Ehrfurcht war gestern: Maurizio Cattelan ließ den Papst vom Meteoriten erschlagen. Kippenberger nagelte einen Frosch wie Jesus ans Kreuz. Videokünstler Bill Viola meint: "Künstler haben in der Geschichte immer wieder eine Art Tanz aufgeführt, um ihre eigenen Seelen und die künstlerische Freiheit zu beschützen." Papst Benedikt geht nun also auf die Künstler zu. Das steht auch an, denn bisher war seine Umgebung frei von zeitgenössischer Kunst. Und gegen die künstlerischen "Todsünden" mancher Kirchenbauten half nur noch Abreißen. "Wir haben zu 95 Prozent Schreckliches in den modernen Kirchen", sagt Joachim Blüher, der Direktor der Villa Massimo in Rom. "Der Name 'Kunst' fällt mir für vieles schon schwer."

Ausnahmen haben es immer noch schwer: Gerhard Richters Kölner Domfenster hätte Kardinal Meißner gern verhindert. Er polterte, dass es eher in eine Moschee gehöre. Dabei ist die zeitgenössische Kunst selbst so etwas wie eine Religion geworden. Man pilgert nicht mehr in Kirchen, sondern in Museen oder auf die Biennale in Venedig. Deshalb will Papst Benedikt in zwei Jahren dort einen eigenen Pavillon installieren. Braucht es den wirklich? Der Jesuit und Kunstprofessor Friedhelm Mennekes sagt: "An einem Ort, wo es unglaublich viele kirchliche Pavillons gibt, muss man dort sozusagen als Staat auftreten. Gäbe es da nicht andere Möglichkeiten, leiser aufzutreten und nicht so daherzukommen, als sei man unter den Kunstförderern zuhause oder unter Seinesgleichen? Das ist ja nun leider nicht der Fall."
Würde ein berühmter Videokünster wie Bill Viola überhaupt in einem vatikanischen Pavillon ausstellen wollen? Viola ist sich nicht sicher: "Ich möchte erst sehen, wie sie mit der Kunst umgehen, wie sie das kuratorisch lösen. Das schaue ich mir erst mal an. Da warte ich ab." Violas Videokunst hat selbst oft etwas Sakrales, Spirituelles. Momentan plant er ein Altarvideo für die St. Pauls Cathedral in London. Der Bildhauer Stephan Balkenhol wird morgen nicht beim Papst sein. Doch auch er hat wichtige Werke für Kirchen gemacht. "Wenn die Kunst als Kunst gelassen wird, dann ist es legitim", so meint er, "nur wenn sie instrumentalisiert wird, um die katholische Kirche oder den christlichen Glauben zu illustrieren, dann würde ich das ablehnen."

Das Interesse der Künstler, etwas für die Kirche zu machen, ist da. Doch nicht als ihr Diener. Im malerischen Olevano nahe Rom wollen vier deutsche Künstler eine Kapelle bauen. Kein "Kirchenauftrag", sondern eine Eigeninitiative, die von der Villa Massimo angeregt wurde. Die Idee: eine Kirche als Gesamtkunstwerk. Mit dabei sind Carsten Nicolai und Malerstar Matthias Weischer. Über die mögliche Vereinnahmungstaktik sagt Nicolai: "Die Gefahr besteht. Dessen muss man sich im Klaren sein. Wenn man sich im Klaren ist, und wenn man sattelfest mit seinem Entwurf ist, dann ist es sehr schwer, da von Vereinnahmung zu sprechen." Die Kapelle in Olevano ist ein Beispiel dafür, dass Künstler die Nähe der Kirche suchen, aber nicht als Bittsteller.
"Ich denke, es war wichtig, mit Leuten zusammenzukommen und zu sagen: 'Ihr könnt uns nicht in derselben kartoffeligen Weise sagen, was wir tun sollen", sagt Joachim Blüher, "sondern ihr müsst euch mit uns zusammensetzen - so wie wir uns mit euch zusammensetzen und lernen wollen. Auch die Kirche muss lernen." "Dieses Treffen soll sich möglicherweise auch auf die liturgische Kunst auswirken", so Bischof Ravasi. "Aber es soll auch eine Anregung für die Künstler sein, die sich bisher vielleicht nur mit sich selbst beschäftigt haben oder auch einfach nur provozieren wollen." Noch sprechen Künstler und Kirche nicht die gleiche Sprache. Doch die Machtverhältnisse haben sich umgedreht. Die Kunst braucht die Kirche nicht mehr.