Pinsel und Farbe, Video oder Fotografie - das war gestern. Neuerdings lassen Künstler die Neuronen tanzen. Ihre Arbeiten sind direkt mit den Nervenzellen im Gehirn erzeugt. So zeigen sie, wie das Gehirn funktioniert und offenbaren Rätsel, die die Wissenschaft noch nicht geknackt hat. Einer von ihnen ist Adi Hoesle - er arbeitet mit Hirnströmen, dem altbekannten "EEG".
Für Hoesle ein Werkzeug wie andere auch: "Viele Künstler führen ihren Bleistift mit und ich führe halt mein EEG mit." Der Künstler Julius Popp, ebenso auf künstlerisch-wissenschaftlichem Terrain unterwegs, meint: "All das, was der Mensch macht, ist auf Gehirnfunktionen zurückzuführen, sei es durch antrainierte kulturelle Werte oder tatsächlich biologisch fundamentale Funktionen. Und ich glaube, dass man durch einfache, klare Beobachtungen, durch das Finden einer Form sehr klare Metaphern dafür finden kann, wie unser Gehirn funktioniert."
"Brainpainting" nennt Adi Hoesle das, wenn er mit seinen eigenen Gehirnströmen malt. Die werden mit dem EEG abgeleitet und in eine Software eingespeist. Diese wurde ursprünglich für ALS-Patienten entwickelt - ALS, die "amyotrophe Lateralsklerose", ist eine bislang als unheilbar geltende Nervenkrankheit. Die Patienten können sich nicht mehr bewegen und lernen mittels dieser Software wieder zu kommunizieren. Adi Hoesle versucht, mit Hilfe seiner Vorstellung und der speziellen Software Bilder zu erzeugen. Das klappt nicht immer. Noch arbeitet er Stunden an einem Bild. Seine Traumvorstellung, so Hoesle, wäre "wenn man genau diese Hirnaktivitäten, die 'neuronalen Feuerungen' direkt als Bild anbieten könnte. Und der Betrachter sagt 'Ja, du hast ein tolles Kunstwerk geschaffen.'"

Doch das ist wohl noch lange nicht möglich. Bisher "materialisiert", dokumentiert der Künstler Hoesle Hirnströme, so etwa als EEG-Tapeten oder auch als Skulpturen. Eine stammt sogar vom verstorbenen Malerstar Jörg Immendorf, der an ALS litt. Sie entstand kurz vor seinem Tod. "Im Grunde genommen ist ein EEG, das man ableitet, ein sehr individuelles, intimes, privates inneres Porträt einer Person", meint Hoesle. Sein Künstlerkollege Martin Schöne hat ein ganz besonderes Ziel: Er arbeitet an der Visualisierung unseres Bewusstseins: "Ich wollte gern die 'höhere Hirnfunktion' sehen, die man ja mit den normalen bildgebenden Verfahren nicht sehen kann. Da habe ich nach neuen Lösungen gesucht. "
Und so geht er vor: Martin Schöne leitet - zuvor in Geräusche umgewandelte - Gehirnströme ins Wasser. Diesen "Neuronensound" kann man normalerweise nicht hören, denn im menschlichen Kopf gibt es keine Luft. "Ich wollte das Bild sehen, was in diesem Sound steckt", erklärt Schöne. "Man muss dazu sagen, dass dieser Sound der komplexeste und intensivste Sound ist, den es überhaupt gibt - wahrscheinlich im ganzen Universum. Wenn man den aber sichtbar macht, dann kann man zeigen, dass da Ordnung drin ist. Bis dahin, dass der jeweilige Gesamtzustand eines Gehirns praktisch ein Bild produziert."

"Brain Avatar" - also "Gehirn-Stellvertreter" - nennt Martin Schöne die von ihm entwickelte Live-Ableitung der Gehirnströme ins Wasser. Eine Kamera filmt die Muster in einer Wasserschale. Der "Brain Avatar" visualisiert den Zustand des Gehirns und gibt so sogar auch Hinweise auf das Unbewusste. "Wenn man gestresst ist, dann sieht man eigentlich nur so etwas wie kochendes Wasser, das ist dann wirklich Chaos und Durcheinander", beschreibt Schöne. So funktioniert der "Brain Avatar" auch als eine Art Gefühls-Detektor. Viele haben sich schon anschließen lassen.
Ein Beispiel: Musiker offenbaren damit den Zustand ihres Gehirns während des Konzerts - dem sie dann auch noch ihren Neuronensound zuspielen. Also ein Konzert, Emotionen, bei gleichzeitigem visuellem Input aus dem "Brain Avatar" und ordentlich "etwas auf den Ohren" - Klang. Martin Schöne meint: "Egal, was wir machen, ob wir eine Wahrnehmungsleistung haben, ob wir teils gleichzeitig denken, sprechen oder hören, immer muss synchronisiert werden, und deshalb ist es natürlich höchst spannend zu wissen, wie das Gehirn das anstellt."
Julius Popp verweist nicht nur auf Probleme, die die Wissenschaft noch nicht gelöst hat. Er baut selbst lernende Maschinen. Die sind so "schlau", dass selbst die Forscher vom berühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Boston ihr Funktionieren noch nicht so recht erklären können. Nach außen sieht das so aus: Gesteuert von einem neuronalen Netzwerk fließt Farbe in bestimmte Schläuche. Eine Kamera "zeigt" dem neuronalen Netzwerk den Zustand der Schläuche. Es passt die Farbverteilung und -ausgabe entsprechend an - etwa, wie es auch ein Mensch gemäß seiner Wahrnehmung tun würde.
Julius Popp nennt das "bit.flow": "Das Spannende an einem neuronalen Netz, das sich selber anpasst, ist ja, dass es versucht, unsere Gehirnstrukturen nachzubilden. Dabei kann man dann im besten Fall nachvollziehen, wie unsere eigene Wahrnehmung funktioniert. Zunächst sehen wir einfach nur ein chaotisches Knäuel mit verschiedenen Farbtröpfchen, die da durchgeschickt werden. Wenn die Maschine aber 'begriffen' hat, worum es dabei geht, dann imaginiert sie, wenn man das so sagen darf, ein Muster, zum Beispiel eine Linie. Und dieses Linienmuster wird sie dann in diese Schläuche gewissermaßen injizieren."
Das alles klingt ziemlich anspruchsvoll. Nur weiß bisher niemand - weder der Künstler noch der beste Forscher - was solch eine Maschine überhaupt unter einem Muster versteht. Für Julius Popp ein Ansporn: Der Frage wie Information auftaucht und verschwindet und auf welche Weise - und auch nur in einer gewissen Ordnung - sie für unsere Wahrnehmung und unser Gehirn zu verstehen ist, widmet er weitere seiner Arbeiten. Gerade gewann er den Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung.