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09. Februar 2010
 

aspekte

 
Schlafende Frau am Bürotisch. Quelle: ZDF
"Länger durchhalten" heißt die Devise - ob in der Uni oder Arbeitswelt.

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Segen oder Teufelszeug?

Doping für das Gehirn

Die deutschen Studenten gehen in diesen Tagen auf die Barrikaden, denn es herrscht Druck an den Universitäten: viel Lernen in immer kürzerer Zeit ist gefordert. Schon heute greifen Studenten zu Aufputschmitteln, um dem müden Gehirn auf die Sprünge zu helfen. Bisher passiert das hierzulande laut einer neuen Studie immer noch mit Althergebrachtem: Koffein-Tabletten. Doch längst geht ein Gespenst um. Von Wunderdrogen, mit denen sich mühelos lernen ließe, ist die Rede. Pausen sind nicht mehr nötig und menschliche Schwächen sind passé.

 
 
 
 

Die Psychiaterin Isabella Heuser weiß, was die Konsumenten bewegt: "Ich möchte mich besser konzentrieren können, ich möchte mich freier fühlen, besser kommunizieren können. Das sind ja alles legitime Anliegen, und bisher würde ich dann vielleicht zu einem Coaching gehen - das ist ja die Psychotherapie des Gesunden. Aber es ist doch legitim, danach zu fragen, ob es eine Substanz gibt, eine Pille, die man nimmt, und die das auch tut."

 

Altes Ideal - neue Risiken

Die Leiterin der Psychiatrie an der Berliner Charite hat, gemeinsam mit Ethikern und Philosophen, ein Memorandum verfasst - in einem Projekt, das von der Bundesregierung gefördert wurde. Sie fordern einen offeneren Umgang mit und mehr Forschung zu der Möglichkeit, das menschliche Gehirn mit Tabletten zu "optimieren". Psychopharmaka für Gesunde? Die Diskussion kommt aus den USA, wo sich führende Wissenschaftler schon längst dafür ausgesprochen haben.

 

Infobox

Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik, Berlin Verlag. Quelle: Berlin Verlag
Berlin Verlag

Buch-Tipp

Der Ego-Tunnel
Eine neue Philosophie des Selbst
Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
Thomas Metzinger
Berlin Verlag

 

Hank Greely, Bio-Ethiker an der Stanford University, sagt. "Wenn Sie Ihr Gehirn mit einer sicheren und effektiven Tablette optimieren können - oder mit drei Jahren Jura Studium - oder mit beidem ... Da sehe ich moralisch keinen Unterschied." Der Philosoph Thomas Metzinger meint: "Ganz abstrakt gesprochen, ist die Verbesserung des eigenen Geistes ein altes philosophisches Ideal, und daran ist nichts Schlechtes. Man muss nur sehen, was in der realen Situation die realen Risiken sind - wie gut diese Sachen tatsächlich funktionieren."

 

Immer länger durchhalten

Denn wie immer liegt der Teufel im Detail: In den USA nehmen laut einer Umfrage angeblich schon sieben Prozent aller Studenten leistungssteigernde Mittel. Es geht um Medikamente, die eigentlich für Kranke bestimmt sind: Ritalin etwa, für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen, soll die Konzentration fördern. Ein anderes Mittel, das die so genannte Schlaflähmung behandelt, soll auch Gesunde hellwach machen. Nur wirklich intelligenter wird dadurch niemand. "Was die vorhandenen Substanzen tatsächlich leisten, ist die Steigerung von Wachheit", erklärt der Wissenschaftshistoriker Nicolas Langlitz. "Das kennen die meisten ja auch vom Kaffee oder vom Tee: Diese Substanzen machen einen effektiv wacher - was sich aber natürlich vor allem dann auswirkt, wenn ich schon ein Defizit habe, wenn ich zum Beispiel übermüdet bin."

 
Rätsel Mensch: Bild eines menschlichen Gehirns. Quelle: ZDF
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"Am gesunden Gehirn etwas zu verbessern, ist sehr schwierig", sagen Experten.
 

Länger durchhalten - das steht in der heutigen Arbeitswelt an erster Stelle. Was es im Moment gibt, sind aber lediglich Aufputschmittel, keine Intelligenzpillen. Und alle können abhängig machen. Die Langzeitwirkungen sind noch völlig unerforscht. Was, wenn einige die Möglichkeiten nutzen und andere nicht? "Enhancen", sich verbessern, heißt das schön umschriebene Modewort für die neuen Drogen. Thomas Metzinger sieht das kritisch: "In einer Wettbewerbssituation werden natürlich Leute, zu deren Lebenssituation es nicht gehört, sich zu 'enhancen', in Zugzwang gebracht, wenn sie sehen, dass Andere diese Mittel benutzen, ob auf legale oder illegale Weise. Das heißt, es entsteht ein Druck auf alle Leute, die so etwas eigentlich nicht machen wollen."

 

Begehrenswerter Zustand?

Amerikanische Zukunftsforscher prophezeien schon eine Neuro-Revolution, auch wenn die Datenlage dafür eher dürftig scheint. Sie schwärmen von Pillen ohne Nebenwirkungen, von denen noch lange keine Rede sein kann. Und die Frage bleibt: Wofür möchte der Mensch sein Gehirn optimieren? "Will ich eigentlich die ganze Zeit hochkonzentriert an meinem Bildschirm kleben, in dem ich mich wacher mache, die Nächte durcharbeite?" fragt Nicolas Langlitz. "Passt das eigentlich in eine Konzeption des 'guten Lebens'? Gerade was leistungssteigernde Drogen angeht, sollte man sich das auch als ethische Frage stellen. Das ist eine Frage von Bewusstseinsethik, die auch jeder sich selbst stellen muss. Ist das überhaupt so ein begehrenswerter Zustand, in den einen die Substanzen bringen?"

 

Es geht immerhin darum, das komplexeste menschliche Organ zu manipulieren - das Forscher trotz aller Erfolge der Neuro-Wissenschaften bisher noch am allerwenigsten verstehen. "Das gesunde Gehirn ist sozusagen schon optimal getunt, am gesunden Gehirn etwas zu verbessern, ist unwahrscheinlich schwierig", so der Pharmako-Psychologe Boris Quednow. "Immer, wenn Sie etwas verbessern, wird etwas anderes schlechter. Das wird immer so sein. Ich glaube nicht, dass dieses Prinzip des Gehirns irgendwann umgangen werden kann."