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21. November 2009
 

aspekte

 
Juliette Gréco, 1982. Quelle: Ullstein
Juliette Gréco, 1982

aspekte Interview

"Ich lebe, voilà!"

Juliette Gréco auf Abschiedstournee in Deutschland

Zum Start in Berlin gab es nicht enden wollende Ovationen. Die Gréco berauscht ihr Publikum wie schon vor Jahrzehnten. Im aspekte-Interview berichtet sie unter anderem von ihrem Verhältnis zu Deutschland - ihre Mutter und auch ihre Schwester waren einst im KZ Ravensbrück Gefangene der Nazis. Aber ob sie auch über ihren einstigen Geliebten Miles Davis erzählt ...?

 
 
 
 

aspekte: Madame Gréco, Sie feiern in diesem Jahr ihren 80. Geburtstag und ihr 60. Bühnenjubiläum. Morgen startet Ihre Tour. Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Kraft?

 

Juliette Gréco: Das ist die Sehnsucht, das ist die Liebe, die Leidenschaft. Der Wunsch der Begegnung, der Wunsch, die Anderen zu treffen. Ich könnte diesen Beruf nicht ausüben, ohne verrückt vor Liebe zu sein.

 

aspekte: Nur die Liebe also?

 

Gréco: Ja, unbedingt. Hass mag ich gar nicht. Liebe und Erinnerung sind wichtig. Ich denke, dass es nichts anderes gibt als die Sehnsucht nach Begegnungen. Sie sind diejenige, die mir Fragen stellt, aber ich bin diejenige, die wissen will, wer Sie sind.

 

aspekte: Die Liebe hat in Ihrem Leben eine große Rolle gespielt. Sie haben ein ... recht provozierendes Leben geführt.

Juliette Greco mit Sabina Bébié beim aspekte-Interview. Quelle: ZDF
ZDF
Juliette Gréco mit Sabina Bébié beim aspekte-Interview

Gréco: Skandalös, ja. Ich bin eben so, will nicht nachdenken. Ich mache, das, was ich will und das, was ich dachte, machen zu müssen. Ich habe gelebt, wie ich wollte und fühlte. Ich dachte, das sei normal, so zu leben. Ich sehe nicht ein, warum ich wie eine Sklavin oder eine Tote leben sollte. Ich lebe, voilà.

aspekte: Lassen Sie sich in Ihrer Kunst und Ihrem Gesang von jungen Sängern beeinflussen?

Gréco: Nicht unbedingt, aber andersherum gibt es Leute, denen ich die Tür in die Freiheit aufgestoßen habe.

 

aspekte: Wie zum Beispiel dem jungen nordafrikanischen "Slammer" Abdel Malik?

 

Gréco: Malik mag Jacques Brél und meinen Pianisten - und Ehemann - Gérard Jouannest sehr, deswegen hat Jouannest ein paar Stücke für dessen neue CD geschrieben. Sowohl Gérard Jouannest als auch ich mögen Abdel Malik sehr. Er ist ein sehr junger Mann, der "slammt" und wunderbare Sachen schreibt. In meinem Leben gab es immer wieder magische Begegnungen.

 

aspekte: Da gab es ja auch noch andere magische Begegnungen in Ihrem Leben, mit Miles Davis beispielsweise.

 

Gréco: Ja, und das geht nur mich was an.

 

aspekte: "Die Gréco" - Sie gelten als die letzte große Chansonniere Frankreichs.

 

Gréco: Ich weiß nicht. Es gibt viele Sänger. Wissen Sie, Chanson ist bei uns in Frankreich etwas besonderes. Es ist eine Kultur. Es gibt immer jemand Neues, der kommt, und immer jemand, der etwas mitbringt. Und: Das Französische Chanson ist toll. Es stirbt nicht aus, absolut nicht.

 

aspekte: Man sagt auch, Sie seien eine lebende Legende ...

 

Gréco: Das kümmert mich nicht, wirklich. Was mich interessiert, ist, was auf der Bühne geschieht. Alles andere zählt nicht. Ich bin ja vielleicht eine lebende Legende - in der Vorstellungskraft mancher Menschen -, aber wenn man von mir spricht, drehe ich mich oftmals um, um zu sehen, von wem eigentlich die Rede ist. Ich habe dann gar nicht den Eindruck, dass man von mir spricht. Und, ja, ich lese wunderbare Dinge über meine Arbeit. Das freut mich und macht mich sehr glücklich. Aber mir sind Fortschritte, Entwicklungen wichtiger. Das ist wirklich wahr. Ich trat vor kurzem in der "Salle Pleyel" auf und hatte dort tatsächlich den Eindruck, Fortschritte gemacht zu haben, ich war ... ein wenig präziser. Ja, ich muss vorwärts kommen. So lange, bis ich nicht mehr weiterkommen kann, muss ich mich weiterentwickeln.

 

aspekte: Man sagt, Sie haben einen Stil geprägt.

 

Gréco: Sicher? Umso besser. Damals war ich arm. Ich besaß nichts. Es war schwierig für mich, zu überleben. Ich hatte einen Stil erfunden, der auf Zuneigung meiner Freunde beruhte. Ich trug Männerhosen, Anzüge und Hemden, weil ich in einer Familienpension lebte, in der es vor allem Kerle gab. Die Hosen waren abgenutzt und zu lang, also krempelte ich sie hoch. Herrenanzüge zu tragen, war zu dieser Zeit schockierend. Eine Frau, die sich kleidete wie ein Mann - das war extrem schockierend. Wenn, dann musste man sehr elegant gekleidet sein - wie Marlene Dietrich, aber das war nicht mein Fall. Dieser Stil war eine Sache, die sich einfach so aus meiner Schwäche für Schwarz, aus der Einfachheit und nicht zuletzt meinem Gesichtsausdruck und dem Ausdruck meiner Hände entwickelte.

 

aspekte: Zu Ihrer Lebensgeschichte gehört, dass Sie früh in Deutschland waren, als Sie noch sehr jung waren. Sie waren im KZ Ravensbrück.

 

Gréco: Nein, überhaupt nicht. Meine Mutter und meine Schwester waren in Ravensbrück.

 

aspekte: Und Sie nicht?

 

Gréco: Nein, ich war damals in Frankreich im Gefängnis.

 

aspekte: Und heute? Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?

 

Gréco: Das ist ganz einfach und sollte auch ganz klar sein: Wir sind nicht verantwortlich für unsere Eltern. Sie sind nicht verantwortlich für Ihre Eltern. Ich kenne viele unglückliche junge Menschen, junge Frauen und junge Männer, die sich schuldig fühlen. Sie sind es aber nicht. Es geschahen schreckliche Dinge in Deutschland, wie es sie aber überall auf der Welt gab. Das Böse lebt. Das Böse ist groß und lebt. Es ist an uns, es nicht zu nähren.

 

aspekte: Sie feiern einen großen Geburtstag. In diesem Jahr sind Sie 80 geworden. Was wünschen Sie sich am meisten?

 

Gréco: Nichts, überhaupt nichts, gar nichts. Ich habe Lust auf meine Musik, das ist alles. Ich möchte glücklich und mit den Menschen zusammen sein, die ich liebe. Ich wünsche mir so viel Glück, wie für einen Menschen überhaupt möglich ist. Und ich denke, ich habe viel Glück gehabt, viel. Ich hatte Glück mit meinem Körper, mit meinem Kopf, mit meinen Freunden und meinen Lieben. Was jetzt noch kommt ... Ich kann viel aushalten, und es ist mir egal.

 

aspekte: Vielen Dank für das Gespräch, Madame Gréco!