Hamburg hat den perfekten Mix zu bieten. Im Image Film der Hansestadt trifft Handel und Tradition auf die Glücklichen und Reichen, die sich großartig verstehen mit den Kreativen. Ein Mini fährt über die Kennedy-Brücke an der Alster, ein Boot braust durch die Speicherstadt: Das soll die "Marke Hamburg" sein. Nur ausgerechnet die sogenannten Kreativen wollen bei dieser Inszenierung nicht mehr mitmachen.
Schauspieler Peter Lohmeyer will nicht Teil dieser Marke sein, sagt von sich: "Ich bin kein Mini, der durch Hamburg kurvt und ein Boot besitze ich auch nicht." Auch die Schauspielerin Pheline Roggan befürchtet, die Stadt verliere langsam ihr Gesicht: "Alle Orte, die mal interessant waren, wo es Reibung gab, werden verdrängt." Musiker Autor und Regisseur Rocko Schamoni klärt: "Die Stadt, die jetzt um uns herum wächst, ist nicht die Stadt, in der wir leben wollen. Und da kann ich für Tausende sprechen."
Und die wehren sich jetzt mit einem Manifest, das überregional für Aufruhr sorgt: Ohne uns! sagen die Künstler zur "Marke Hamburg". "In diesem Marketingkonzept kriegen Kunst und Subkultur die Rolle zugeschrieben, dass sie bestimmte Stadtteile gezielt aufwerten können", versichert Künstler Christoph Schäfer. Was ist denn hier nur falsch gelaufen? Hamburg wirbt seit Jahren mit seiner lebendigen Kulturszene. Gelernt hat das die Hansestadt, wie viele andere Städte, von US-Ökonom Richard Florida, der den Begriff der "Kreativen Klasse" geprägt hat. "Wir haben einen so genannten Boheme-Faktor nachgewiesen", erklärt Florida, "wo immer sich Künstler ansiedeln und Homosexuelle leben - dort steigen die Immobilienwerte enorm an."
In Hamburg lief das tatsächlich gut. Künstlerviertel und Schmuddelbezirke wie St. Pauli und Altona sind längst hoch begehrte Spekulationsgebiete. Die Subkultur aber hat ihren Zweck erfüllt und kann gehen - in den aufgehübschten Quartieren aus Glas und Beton gibt es keine billigen Ateliers oder Proberäume mehr. "Das Leben wird verdrängt aus der Innenstadt, die Innenstadt stirbt", sagt Peter Lohmeyer. Zum Beispiel werde der Mojo Club jetzt abgerissen und durch "tanzende Türme" ersetzt. Wie solch tanzende Türme dann weitgehend leer herumstehen, das sieht man jetzt schon am Elbufer.
Und vor so einer Entwicklung warnt sogar Richard Florida - sonst eher Chefideologe auf Seiten des Marketings. "Wenn ein Ort langweilig wird, ziehen selbst die Reichen weg. Wenn wir also nicht mal innehalten und überlegen, wo die Kreativität ist, wie ein Ort sich entwickelt und wie wir das lenken und nutzen können - dann wird der Ort nicht nur uninteressant: Der Kreis schließt sich und das, was für Spekulanten nach einem Haufen Geld ausgesehen hat, ist plötzlich nichts mehr wert."
Das wissen die Künstler schon längst. Und die Einsicht der Strategen macht sie stark. Seit August halten über 300 Künstler das historische Gängeviertel besetzt. Sie wehren sich gegen Pläne des holländischen Investors, der die einst denkmalgeschützten Häuser zu 80 Prozent abreißen will. Künstlergrößen wie Maler Daniel Richter, Regisseur Fatih Akin, Musiker Jan Delay unterstützen die Initiative. "Kunst, die die Gesellschaft verändert, kommt immer von unten", argumentiert Rocko Schamoni. "Sie kommt immer aus Ecken, die nicht gesteuert und nicht kontrolliert werden, sondern will sich selbst erfinden können und dort etwas Neues erschaffen."
Im Frappant, einem 70er Jahre Mammutbau in Hamburg Altona, kämpfen 130 Künstler um ihren Platz. Denn Ende des Monats soll hier Schluss sein mit den günstigen Ateliers: Ein internationales Möbelhaus begehrt den Standort. Fatih Akins neuester Film "Soul Kitchen", der im Dezember anläuft, verewigt den Künstlerstandort noch mal. "Sicher ist nur, dass nichts sicher ist", stellt der Protagonist vor dem Gebäude fest. Richard Florida hat für das Hamburger Dilemma einen Vorschlag parat: "Warum geht Hamburg nicht als erste Stadt der Welt voran und beteiligt Künstler am Eigentum in ihren Vierteln und Gebäuden? Wenn der Wert der Künstlerquartiere steigt, können sie auch verkaufen, wenn sie wollen. Oder aber an dem Ort bleiben, in den sie Schweiß und Herzblut gesteckt haben."
So weit ist man im Hamburger Rathaus noch nicht. Aber das Künstlermanifest sorgte diese Woche für eine stundenlange wundersame Parlamentsdiskussion der Bürgerschaft. Parteien spielten verkehrte Welt. Die regierende CDU drohte gar dem Investor des historischen Gängeviertels. Die mitregierenden Grünen müssen sich vor den Künstlern rechtfertigen, die SPD präsentiert sich als bester Freund der Hausbesetzter. Allen Politikern ist klar: Hamburg kann es sich nicht leisten, die Kreativen zu vertreiben. Die Kultursenatorin Karin von Welck versucht den Kuschelkurs und lobt die Debatte. "Ich habe noch nie eine Bürgerschaftssitzung erlebt, auf der so lebendig über Kunst und Kultur debattiert wurde, das finde ich großartig." Doch was bewirkt die lebendige Debatte langfristig?
Ökonom Richard Florida rät den Künstlern, sich weiter politisch zu formieren. "Da diese Diskussion gerade in Hamburg stattfindet, könnte man einen 'Hamburger Dialog' ins Leben rufen", schlägt er vor. "Daraus könnten dann 'Hamburger Grundsätze' entstehen. Die Stadt könnte so weltweit als Modell dienen." Die Künstler jedenfalls wissen um ihren Wert und werden sich so schnell nicht von einem ins nächste Quartier verschieben lassen.
"Wir werden ab sofort der Stadt sehr genau auf die Finger gucken, wo Kunst instrumentalisiert wird, wo Subkultur, wo Bands dafür instrumentalisiert werden", sagt der Künstler Christoph Schäfer. "Wir sind interessanterweise auch nicht mehr in dieser Situation 'Wir sind arme Künstler und Zuwendungsempfänger', sondern wir wissen sehr genau und das weiß die Stadt auch, dass es die Künstler sind, die die neuen Städte schaffen!"