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09. Februar 2010
 

aspekte

 
Der Revolutionsführer Mao Tse-Tung (Mitte, sitzend). Das Foto stammt aus dem Bildband "China. Porträt eines Landes". Quelle: Taschen
Der Revolutionsführer Mao (Mitte, vorne)

Die Volksrepublik seit 1949

Die Kunst der Fotografie

Der Bildband "China. Porträt eines Landes"

Sechzig Jahre jüngere chinesische Geschichte verstehen? Das ist schwierig ¿ aber gerade jetzt dringend nötig, sagt der Fotograf und Herausgeber des Bildbands "China. Porträt eines Landes", Liu Heung Shing. Mit seinem Buch erzählt Liu die Geschichte der Volksrepublik China seit 1949. Viele Fotos waren noch nie veröffentlicht.

 
 
 
 

1989 - einer der dunkelsten Momente in Chinas Geschichte: das Ende der Studentenproteste auf dem Platz des himmlischen Friedens. In diesen Tagen war auch der Fotograf Liu Heung Shing in der Stadt. Er fotografierte zunächst erschöpfte Streikposten, später die Opfer, die mit dem Fahrrad ins Krankenhaus gefahren werden.

 

Liu Heung Shing: " In dem Jahr habe ich eine sehr symbolische Aufnahme gemacht: Sie zeigt den Augenblick, als die Panzer endlich den Platz des himmlischen Friedens verlassen. Man sieht in den Panzern regelrecht das Gewicht des Staates - über den einzelnen, zerbrechlichen Menschen." Mit seinem Mammutbuch erzählt der Fotograf und Herausgeber die Geschichte der Volksrepublik China.

 

Ein Künstler heiratet sein Maultier

 

Viele Fotos waren noch nie veröffentlicht - und in China dürfen sie noch immer nicht erscheinen. Vier Jahre hat Liu bei fast 100 Fotografen in Privatarchiven recherchiert.

 
Fotografie aus: "China. Porträt eines Landes". Quelle: Taschen
Taschen
Momentaufnahme aus dem Reich der Mitte

 

Unter seinen Fundstücken sind grausame, erstaunliche und skurril anmutende Momente: Schwimmer lesen in wasserfesten Mao-Bibeln, der letzte Kaiser im Gefängnis, ein hochrangiger Marschall am Strand, Mao im schmuddeligen Bademantel oder - aus der Neuzeit: ein Bauer mit gefälschter Adidas-Tasche. Und: Ein Künstler heiratet sein Maultier...

 

30 Jahre Chaos

 

60 Jahre China verstehen? Es ist schwierig - aber gerade jetzt dringend nötig, sagt Liu: " Wenn man diese Geschichte nachvollzieht, weiß man, warum die Chinesen ihre eigene Idee von "Niemals-Wieder" haben. Was da in den letzten 30 Jahren passiert ist, ist atemberaubend. Aber wenn Sie die ersten 30 Jahre der Volksrepublik China nicht kennen, werden Sie auch nie verstehen, warum die Chinesen heutzutage so getrieben sind."

 

Die Reise begann mit dem langen Marsch der roten Garden auf Peking, ihrem Einmarsch 1949, ab da herrschte 30 Jahre bis Maos Tod Chaos, Bürgerkrieg und der radikale Wille, das Land nach einer Idee zu formen.

 

Das ganze Land hungert

 

Die Landreform enteignet Großgrundbesitzer. Doch die Bauern müssen Ende der 1950er in die Stahlproduktion. Weil die Felder brachliegen, hungert das ganze Land - aus dieser Zeit gibt es nur Propagandafotos: dabei starben 30 Millionen Menschen. Liu: "Die wichtigsten Lektionen für mich als Journalist habe ich als Heranwachsender gelernt. Meine Nachbarn mit aufgequollenen Geischtern zu sehen, weil ihnen Nährstoffe fehlten, Arme und Beine geschwollen weil sie nichts zu essen hatten."

 

Der Fotojournalist Liu ist fast so alt wie die Volksrepublik - 58 Jahre - in Hongkong geboren, aber aufgewachsen in China. Er hat in den USA studiert und mit seinen Foto-Reportagen aus aller Welt bereits den Pulitzer-Preis gewonnen.

 

Intellektuelle wurden erniedrigt

 

Sein Buch schafft es, eindringlich das katastrophale chinesische Experiment vor Augen zu führen - und dessen Absurditäten. Mit den erschreckenden Bildern der Kulturrevolution, den öffentlichen Demütigungen - aber auch stilleren Bildern. Liu: "Chinesische Intellektuelle wurden wie Kinder erniedrigt - sie wurden in einem Ochsenstall gehalten und mussten Maos Zitate lesen. Diese Bilder sprechen für mich noch lauter als einige öffentliche Demütigungen und Verfolgungen."

 
Fotografie aus dem Bildband "China. Porträt eines Landes". Quelle: Taschen
Taschen
Foto aus: "China. Porträt eines Landes"

 

In diesen Tagen fotografiert Liu nicht die Olympischen Spiele - das habe er schon in Los Angeles und Soul getan, sagt er diplomatisch. Er widmet sich den jungen Künstlern in China, fotografiert Porträts. Politisch hält er sich zurück, aber in seinem Buch zeigt er auch das heutige China mit seinen Gegensätzen: erschöpfte Tagesspekulanten, Armut und Wohnungsknappheit...

 

Die Welt schaut auf China

 

Auch den Tibet-Konflikt verschweigt Liu nicht: "China ist wie eine Mandarin-Ente. Wenn man so eine Ente über dem Wasser sieht, erscheint sie sehr ruhig und unbeweglich - aber wenn man sie unter Wasser beobachtet sieht man: Sie paddelt, so schnell sie nur kann", so Liu.

 

Dieses Jahr steht sein Land auf dem Prüfstand, die Welt schaue jetzt hin, sagt Liu. Er möchte, dass jeder die ganze widersprüchliche Geschichte sieht. Sein Buch macht es möglich.

 

Infobox

China. Porträt eines Landes

Bildband
von Liu Heung Shing
Taschen Verlag
423 Seiten
in deutsch, englisch und französisch
ISBN-13: 978-3836505697