Facebook ist eines der größten Netzwerke - vor gerade mal fünf Jahren auf dem Campus der Harvard-Universität gegründet. Vor einigen Monaten feierten sie den 100 Millionsten Nutzer, jetzt sind es schon über 200 Millionen. Dabei klingt es zunächst so langweilig wie simpel: Jeder erstellt sich sein eigenes Profil mit Fotos und persönlichen Daten - und kann das von anderen anschauen und sich austauschen. Was macht diese Netzwerke so attraktiv, dass plötzlich jeder dabei sein will? Und wie verändert unsere dauerhafte Online-Präsenz die Gesellschaft langfristig? Wo liegen die Gefahren?
Madeleine Mohl ist eigentlich nie ein Suchtmensch gewesen. Wenn sie um neun den Rechner in ihrem Büro anmacht, hat sie an diesem Tag aber längst zuhause schon kontrolliert, was ihre Freunde so machen. Vor dem Zähneputzen, online. Jetzt beim zweiten mal schreibt sie, dass sie angekommen ist, wo sie jeden Tag hingeht. Trivial, aber unverzichtbar. Sie meint: "Ich brauch' das um in Kontakt zu bleiben wie ich meine Sprache brauche."
Facebook ist eine Art dauerhafter Stammtisch - ein neues soziales Betriebssystem. Jeder hat sein eigenes Profil gestaltet wie einen ausführlichen Steckbrief und kann es ständig von überall aktualisieren. Die Hauptattraktion - jeder kann dann direkt sehen, was alle anderen eben gerade so banales tun. Vorausgesetzt allerdings, man ist mit ihnen befreundet. Das Prinzip heißt hier: Freund oder nicht Freund. Wenn man nicht befreundet ist, gibt es keine Fotos, Geburtstage oder - den Beziehungsstatus.

An der Harvard Universität in Boston erforscht Sam Arbesman die sozialen Netzwerke, für Wissenschaftler sind sie das reine Paradies, sie schwimmen geradezu in Daten. Sie stellen klar: Virtuelle Netzwerke können die realen sogar bereichern. Lockere soziale Beziehungen seien wichtig für Gemeinwesen und Wohlbefinden. Internet Netzwerke können helfen, diese lockeren Verbindungen zu pflegen. Nur dass manch herkömmliche Zusammentreffen lockerer Verbindungen dann doch drunter leiden.
Madeleine Mohl machte folgende Erfahrung: "Zum Beispiel war ich neulich auf einem Klassentreffen, das war langweilig, denn ich wusste ja schon, was jeder macht, ob er verheiratet ist und durch den letzten Urlaub hatte ich mich auch schon durchgeklickt."

Hinter noblen Fassaden haben Harvard-Studenten die Idee ausgebrütet. Erst als ein reines Uni-Netzwerk, dann ausgeweitet auf Schulen und jetzt international - der Gründer Mark Zuckerberg ist mit 24 Jahren Milliardär. John Palfrey, Professor an der Harvard-University meint: "Als ich noch Student war, bekamen wir ein reales Buch mit Fotos und Herkunft unserer Mitstudenten - das haben die als Internet-Plattform umgesetzt."
Die Digital Natives. Wie sie leben - Was sie denken - Wie sie arbeiten
Hanser Verlag, Oktober 2008.
Mittlerweile hat Facebook über 200 Millionen Mitglieder. Das Ganze ist jetzt raffiniert, es gibt zahlreiche Anwendungen, die Firma sammelt hier mehr Daten als die Stasi - jeder gibt ganz bereitwillig alles her, und das nicht nur bei Facebook. Die rein deutschsprachige Version ist "studi-vz" mit immerhin 13 Millionen Mitgliedern, und auch "myspace", "linkedIn" und "Xing" sind erfolgreiche Netzwerke wo Fotos und intimste Details ausgetauscht werden - Skandalberichte und Partyfotos sind eine Sache, doch das ganze Ausmaß ist kaum zu überblicken.

Facebooknutzer Aaron findet das allerdings unbedenklich: "Facebook macht das nicht, Facebook hat so viel Vertrauen - und wenn die das brechen, sind die Leute ja weg. Vertrauen ist die Basis dafür, dass man das nutzt." Schon heute ist es möglich, auf Facebook gezielt zu werben -genau nach Alter, Beziehungsstatus, sogar nach Schlüsselwörtern im Profil. Doch das ist noch nicht das große Geld, die Firma macht gerade mal geschätzte 300 Millionen Dollar damit im Jahr - noch lebt Facebook von Investorengeldern. Professor Palfrey aber schätzt: "Es ist wichtig zu erkennen, dass es sich um Firmen handelt, die Profit machen wollen. Das Verzwickte an der Sache ist, dass die Kids ihren Lebensbereich auf den öffentlichen Raum ausrichten."

Eine Lösung für noch gezieltere Werbung gibt es schon: Firmen werden Freunde. Auch mit Politikern kann man sich anfreunden, ein Fan werden und erfährt dann: Frau Merkel hat ein paar Tage frei... das landet dann auch im persönlichen Nachrichtenticker. All diese Präferenzen -von Produkten bis Politik - haften an den Nutzern wie Tätowierungen, denn die Spuren sind kaum zu beseitigen. Das Internet stellt eine Öffentlichkeit her, die nicht mehr zu kalkulieren ist.
Palfrey meint: "Worum wir uns wirklich sorgen sollten: Wir haben noch keine Generation erlebt, die von der Wiege bis ins Grab in einem komplett digitalisierten Umfeld großgeworden ist. Wir haben vorher noch nie gesehen, wie Leute 90 Jahre alt werden und alles in ihrem Leben aufgezeichnet wird. Wenn man sich mit 70 überlegt, dass jemand das Leben komplett nachvollziehen kann ¿ wie ändert sich dann das Verhalten, wenn man weiß, man wird von Freunden und Firmen beobachtet ¿ davon haben wir noch keine Ahnung."
Langfristige Perspektiven hat keiner im Blick. Keiner hat im Blick, was in fünf Jahren sein wird, welche Plattform und Kommunikationsform dann aufkommt. Einige sehen Facebook gar schon auf dem absteigenden Ast. Denn die digitale Generation wechselt Vorlieben und auch Plattformen - man geht dahin, wo die Freunde sind...