Jeder vierte Baukran weltweit ist in Dubai im Einsatz. Der Hafen ist der größte der Welt, derzeit entsteht das höchste Gebäude der Welt in Dubai. Mit anderen Worten: Auf Wüstensand entsteht die Stadt der Superlative. Sie hat keine Zeit zu wachsen, sie explodiert - das Öl wird knapp, die neuen Märkte heißen Business, Tourismus und rücksichtslose Stadtvermarktung ohne erkennbaren Masterplan.
Das Versprechen der Scheichs lautet "Null Prozent Steuern auf Einnahmen und Gewinne", und es katapultierte das ehemals gemächliche Handelsstädtchen Dubai auf einen Schlag ins Zeitalter der Globalisierung. In dem Emirat befindet sich die derzeit höchste Baustelle der Welt: Etwa 800 Meter hoch wird das 'Burj Dubai' mit seinen geplanten 206 Hotel- und Appartement-Etagen sein, wenn er fertig ist.
An anderer Stelle wird Land aufgeschüttet, werden Inseln ins Meer gepflanzt - Dubai ist der 'Sandkasten' internationaler Architekten, die sich mit spektakulären Einfällen zu übertrumpfen suchen: Inseln in Form von Palmenblättern oder gar der Weltkarte bilden die Spitze des "Einfallsreichtums". Auf der Immobilienmesse "Cityscape" wurde der Architektur des 21. Jahrhunderts endgültig der Garaus gemacht: Ohne jeglichen Gestaltungswillen werden Investoren-Bauten hochgezogen. Der geplante 'Nakheel-Harbour-Tower' wird die magische Grenze von einem Kilometer Höhe überschreiten. Wie lässt sich dieser Wahnsinn stoppen?

Seit einigen Jahren schon studiert Rem Koolhaas, Pritzker-Preisträger und kritischer Geist unter den Star-Architekten, den Bauwahn am Golf: "Ich glaube, der Begriff 'Wahnsinn' trifft nicht nur für Dubai zu, sondern für das gesamte ökonomische System und zwar in dem Maße, wie sich die westliche Zivilisation in den letzten 20 Jahren dem Wachstum verschrieben hat", so Koolhaas. "Und das ist für mich der eigentliche Wahnsinn, daher kommen diese Auswüchse, die wir hier sehen - ob sie nun hier stattfinden oder in unseren eigenen Ländern. Glücklicherweise könnte die Finanzkrise dazu führen, dass sich die Bauwut automatisch verringert - und das wird der Moment sein, sich wieder auf Inhalte zu besinnen statt den Exzess weiterzutreiben."
Für Koolhaas haben die gigantischen Bau-Arien am Golf einen spannenden Moment erreicht: "Dubai muss sich wirklich überlegen, wie seine Identität und Gestalt in Zukunft aussehen soll. Es kann einfach nicht so weitergehen wie bisher. Mehr Überlegung, mehr Koordination ist absolut notwendig." Ist es ausgeträumt, das Märchen von 1001 Nacht? Nein, widersprechen manche. Sie sagen, so lange der Creek, die alte Lebensader der Stadt, noch existiert, so lange die Rufe zum Gebet noch von den Minaretts ertönen, so lange die Abras noch die einfachen Leute von einem Ufer zum anderen bringen und die Souks noch Gold, Gewürze, Stoffe und Wasserpfeifen feilbieten - so lange kann man sich ja noch einbilden, alles sei in bester Ordnung. Wenn auch die Altstadt wirkt wie eine zwanghaft am Leben erhaltene Enklave inmitten der neuen Welt.

Um die Ecke wird eine riesige neue Küstenlandschaft ausgehoben. "Waterfront" wird sie heißen - und sie ist randvoll mit Superlativen. Das Gebiet umfasst 140 Quadratkilometer, ist somit doppelt so groß wie Hongkong. 1,5 Millionen Menschen sollen hier einmal leben. 45 Millionen Kubikmeter Erde sind binnen zwei Jahren schon bewegt worden - für 70 Kilometer neue Strände für Touristen.
Mittendrin die kleine "Waterfront-City'' - wer sie baut und geplant hat, überrascht dann doch: Es ist Rem Koolhaas. Er ist zwar ein kritischer Kopf - aber nicht gefeit gegen die Faszination, neue architektonische Welten miterschaffen zu können. Koolhaas verteidigt das: "Es geht hier nicht darum, Allmachtsphantasien zu entwickeln. Worauf wir in diesem speziellen Fall sehr stolz sind, ist, dass wir die Möglichkeit hatten, eine Stadt zu konzipieren, die alle traditionellen Elemente einer Stadt aufweist - sie hat eine Infrastruktur. Wir sind heutzutage ständig mit Projekten konfrontiert, die am Reißbrett entstanden sind, so dass es nahezu dämlich wäre, nicht ebenso zu arbeiten. Und was wir hier tun ist, tatsächlich eine fundierte, wohlüberlegte Enklave inmitten all dieses Wildwuchses zu schaffen."

Es geht auch kleiner: Gemeinsam mit Michael Schindhelm, dem deutschen Kulturdirektor Dubais, entwickelt Koolhaas ein Theater und ein angrenzendes Museum. Von Zaha Hadid stammt der Entwurf für die künftige Oper Dubais. Wird die seelenlose Betonwüste menschlicher, wenn man Kultur implantiert? Schindhelm meint: "Das ist sicher keine Stadt, die fertig ist und keine Gesellschaft, die fertig ist und die ein für allemal eine politische, gesellschaftliche und kulturelle Identität hat. Wir sind in einem Prozess, und die Frage ist eigentlich: Will man an diesem Prozess teilhaben, hat man zu diesem Prozess etwas zu sagen oder nicht? Ich glaube eben, aus unterschiedlichen Richtungen kommend, haben Koolhaas und Schindhelm etwas zu diesem Prozess zu sagen - und deshalb haben auch wir uns etwas zu sagen dazu."
Koolhaas ist der Ansicht, dass man es sich zu leicht, wenn man die Zustände in dem Emirat als unseriös kritisiert: "Das würde bedeuten, wir nehmen sie nicht ernst. Wir beide teilen ein Interesse, das hier ernst zu nehmen - einfach weil wir denken, es ist wichtig." Aus dem Unvermeidlichen das Beste machen, so könnte man das Credo von Schindhelm und Koolhaas zusammenfassen. Man könnte aber auch sagen: Es gibt zwar einiges zu kritisieren - aber mitspielen wollen wir trotzdem.